Wie Sammlungen auf Europeana Sibirien zeigen
Einige Teile der Welt existieren in unserer Vorstellung stärker als in der Realität. Es sind geografische Orte, die eher imaginiert als tatsächlich bereist werden. Wenn Menschen doch dorthin reisen, gelten solche Besuche als ungewöhnlich – mitunter sogar als heldenhafte Abenteuer. Die Darstellungen dieser Länder sind oft stark verzerrt. Sie erscheinen wie geschlossene Konzepte mit nur wenigen festgelegten Eigenschaften – fast wie Karikaturen.
Ich wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Sibirien geboren und habe viele Jahre dort gelebt. Meine Vorstellung von „Sibirien“ ist daher umfassender als die vieler Menschen, die sich kaum mit diesem Ort beschäftigen.
Das liegt daran, dass ich selbst durch die Region gereist bin. Ich habe Menschen getroffen, die im westlichen und östlichen Sibirien lebten oder unterwegs waren, die sowohl den nördlichen Polarbereich als auch die südlichen Gebiete kannten. Ich habe ihren Geschichten zugehört und Bücher gelesen, in denen verschiedene sibirische Orte in ganz unterschiedlichen Kontexten und Zeiträumen beschrieben wurden. Außerdem habe ich Hunderte von Studierenden kennengelernt, die an die Sibirische Föderale Universität kamen, wo ich als Lehrkraft tätig war. Sie kamen aus Nord und Süd, teils aus größeren Städten, in denen ihre Eltern als Fachkräfte arbeiteten, teils aus kleinen Dörfern, in denen man vom Jagen lebte.
Wenn man sich nun vorstellt, wie Sibirien in den Texten, Bildern und Videos auf Europeana dargestellt wird, lässt sich vermuten, dass das Konzept „Sibirien“ eigentlich weitaus mehr Merkmale umfassen müsste.
Diese könnten sich auf bestimmte Orte beziehen – etwa auf die Natur- und Menschheitsgeschichte der Region in der Moderne, im 20. Jahrhundert und heute. Bilder und Videos könnten Menschen mit unterschiedlichen Berufen und Lebensrealitäten zeigen, sowohl in großen Städten als auch in kleinen Siedlungen. Es könnten Kunstwerke einbezogen werden, die entweder von sibirischen Künstler*innen stammen oder einen Bezug zu Sibirien haben. Ethnografische Zeugnisse zu den zahlreichen Bevölkerungsgruppen dieses riesigen Raums fehlen bislang.
Dabei handelt es sich um ein Gebiet, das sich über Tausende von Quadratkilometern erstreckt. In solchen Fällen bemühen sich Wissenschaft und Kulturinstitutionen in der Regel darum, Sammlungen entweder repräsentativer zu gestalten oder ihre Einseitigkeit offen zu benennen – also zu zeigen, wo und wie Verzerrungen entstehen und worauf sie zurückzuführen sind. Die Bestände zu Sibirien auf Europeana machen deutlich, dass die Darstellung unausgewogen ist.
Die Bilder aus europäischen Archiven zeigen visuelle Kultur so, wie sie von einer kleinen Anzahl an Subsammlungen innerhalb großer institutioneller Bestände geprägt wurde. Diese Subsammlungen entstanden unter bestimmten historischen, politischen oder sozialen Bedingungen – etwa durch Expeditionen, die von Institutionen mit eigenen strategischen Interessen finanziert wurden, oder durch Forschende, die spezifische Fragestellungen verfolgten.
Alle Sammlungen und Korpora sind zwangsläufig selektiv. Wenn eine kleinere Subsammlung viele Bilder aus einer bestimmten Expedition enthält, dominieren diese Aufnahmen. Sie prägen die Ergebnisse automatischer Analysen – und beeinflussen letztlich auch, wie von KI erzeugte Bilder aussehen werden.
Quellen von Bildern mit Sibirien-Bezug
Der größte Teil der Objekte mit Sibirien-Bezug – etwa ein Fünftel von rund 5.500 Einträgen – stammt aus dem Schwedischen Ethnografischen Museum.
Die Reisenden, die diese Objekte in der zweiten Hälfte des 19. oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts in das Museum brachten, waren schwedische Entdecker, die entlang der arktischen Küsten reisten – auf der Suche nach der Nordostpassage oder einer Schifffahrtsroute, die den Atlantik mit dem Pazifik verbinden sollte.
Polarforscher wie Adolf Erik Nordenskiöld oder Geografen wie Sten Bergman interessierten sich für Sibirien vor allem im Hinblick auf die Küstenbewohner*innen, die Rentiere jagten und die Expeditionen mit Nahrung, Kleidung oder einfacher Ausrüstung versorgten.
Manchmal wird der Name „Sibirien“ – gemeinsam mit den damit verbundenen Assoziationen von rauem Klima und dünner Besiedlung, wie sie vermutlich durch die zuvor genannten Objekte geprägt wurden – auf geografische Gebiete angewendet, die bis zu 6.000 Kilometer voneinander entfernt liegen. So verwendet das Schwedische Ethnografische Museum den Begriff sowohl für die arktische Küste als auch für Bevölkerungsgruppen im westlichen Sibirien nahe der Wolga.
Diese Objekte stammen aus der Sammlung von Frederik Martin, einem Diplomaten und Orientalisten des 19. Jahrhunderts.
Frühe Fotografie des 20. Jahrhunderts
Fotografien des 20. Jahrhunderts in den Sammlungen der Finnischen Denkmalbehörde machen einen bedeutenden Teil der Sibirien-bezogenen Bestände aus.
Diese Fotografien zeigen, wie Städte in die sibirischen Landschaften eingebettet waren. Sie dokumentieren Elemente formaler Architektur und die Ausbreitung russischer Institutionen in den Provinzen – wie etwa das Bischofshaus auf der zweiten Aufnahme – und vermitteln einen Eindruck von der Zahl der Haushalte in neu gegründeten Siedlungen.
Solche Aufnahmen, die auch als Postkarten verbreitet wurden, sollten vermutlich nicht nur dokumentieren, sondern auch neue Siedler*innen für die sibirischen Regionen anwerben.
Ich erinnere mich an diese Holzhäuser aus meiner Kindheit. Sie standen überall: in der Innenstadt, mit wunderschönen, verwitterten Schnitzereien an den alten Fensterläden, und in den Vororten, wo Rauch aus den Schornsteinen stieg und alte Handpumpen mit Wasserstrahlen den spielenden Kindern neben den Häusern eine Erfrischung boten.
Die meisten dieser Fotografien stammen von einem russischen Fotografen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Vermutlich wurden sie im gesamten Russischen Kaiserreich verbreitet und gelangten über offizielle kaiserliche Kanäle, etwa durch Pflichtabgaben von Verlagen an Bibliotheken, in finnische Kulturerbe-Institutionen.
Die Bilder zeigen, wie sibirische Städte gestaltet waren, wie die Natur an diesen Orten aussah und wie Infrastrukturprojekte wie die Transsibirische Eisenbahn entstanden. Ich konnte die Eisenbahnbrücke in der Stadt erkennen, in der ich geboren wurde. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut und existierte noch, als ich klein war.
Weitere Fotografien aus großen Städten, die bis zu 1.000 Kilometer voneinander entfernt liegen und sich über eine Strecke von mehr als 3.000 Kilometern erstrecken, zeigen eine Vielfalt an Architektur und kolonialer Ethnografie.
Diese Teil-Sammlung umfasst Fotografien finnischer Fotojournalisten, darunter Jaakko Julkunen.
Dieses Foto zeigt einen Brotbäcker in Ostsibirien, einer Region mit strengen Wintern. Besonders eindrucksvoll ist der Kontrast zwischen dem Gesicht des Bäckers, der täglichen Routine der Brotauslieferung, der genormten Form der Laibe und dem Pferd, das speziell für das Überleben in der Kälte gezüchtet wurde.
Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der standardisierten und institutionalisierten Abläufe ist das Leben an diesem Ort schwer. Die vielen Interpretationen und Fragen, die dieses Bild hervorruft, machen es zu einem Werk, das lange im Gedächtnis bleibt.
Landschaften und markante Orte
Sibirische Städte und Siedlungen am Ende des 19. Jahrhunderts werden durch Fotografien dargestellt, die der französische Archäologe Joseph de Baye im Zuge seiner Arbeit und Reisen in Russland anfertigte.
Diese Sammlung enthält außerdem de Bayes Zeichnung eines Ikonenbildes aus einer sibirischen Kirche nahe Omsk.
Eine weitere kleine sibirische Sammlung der Deutschen Fotothek zeigt Landschaften in der Nähe des Baikalsees. Es handelt sich um Fotos aus den 1960er und 1970er Jahren, die pastorale Szenen mit der Mode dieser Zeit verbinden.
Eine kleinere Fotosammlung zum Landleben aus einem estnischen Museum bedarf einer genaueren Prüfung, da offenbar irrtümlich eine landwirtschaftliche Siedlung im Süden Russlands aus den 1920er Jahren als sibirisches Dorf erfasst wurde. Solch große Äpfel konnten Anfang des 20. Jahrhunderts in einem sibirischen Dorf nicht angebaut werden.
Naturkundliche Sammlungen
Herbarien aus Sibirien sind in naturkundlichen Sammlungen in ganz Europa vertreten. Besonders viele befinden sich in britischen Einrichtungen wie dem Natural History Museum in London, dem Royal Botanic Garden Edinburgh und den Royal Botanic Gardens Kew.
Genaue Fundorte sind bei diesen Sammlungen selten angegeben. Oft ist es auch nicht möglich, den exakten Standort der Pflanzen in den Herbarien zu bestimmen, da die naturkundlichen Sammlungen bereits vor vielen Jahren zusammengestellt wurden. Einige Einträge führen Pflanzen aus Herbarien fälschlicherweise als aus Südamerika stammend auf. Ihr Bezug zu Sibirien ist damit offensichtlich fehlerhaft.
Dieser Blog stammt aus dem DE-BIAS-Projekt, das zum Ziel hat, bislang unterrepräsentierte Stimmen sichtbar zu machen und damit einen Ausgangspunkt für die Neukontextualisierung umstrittener Kulturerbesammlungen zu schaffen. Um dies zu erreichen, setzt DE-BIAS auf Co-Creation-Veranstaltungen, Crowdsourcing-Initiativen sowie die Erstellung eines speziellen Vokabulars und eines Knowledge Graphs zu problematischen Begriffen. Zudem wurde ein Online-Tool entwickelt, das diese heute unakzeptablen Begriffe in den Metadaten von Kulturerbeobjekten erkennt. So unterstützt DE-BIAS den Kulturerbesektor dabei auf dem Weg ins postkoloniale Zeitalter.