Ein getrocknetes Korallenstück, das auf einem Ständer mit einem Etikett vor einem schlichten weißen Hintergrund ausgestellt ist.
Geschichte

Korallen - am Kipppunkt

Die wissenschaftliche und kulturelle Bedeutung von Korallen

von
Maja Bartl (öffnet sich in einem neuen Fenster) (OpenUp! & Europeana Local Austria )
Gerda Koch (öffnet sich in einem neuen Fenster) (OpenUp! & Europeana Local Austria)

Korallen üben seit jeher durch ihre Wuchsform, ihre Verankerung in der Mythologie und ihre Bedeutung für den küstennahen Lebensraum eine besondere Anziehung auf den Menschen aus.

Wie sind Korallen aufgebaut?

Über viele Jahre hinweg vermutete man wegen ihrer Wuchsform und den oft blütenförmigen Polypen, dass Korallen zu den Pflanzen zählten. Auch eine Zugehörigkeit zur Welt der Steine und Mineralien wurde in Betracht gezogen. Der französische Naturforscher Jean André Peyssonel sprach erstmals 1723 von Korallen als Teil des Tierreiches und wurde dafür belächelt.

Korallenproben auf schwarzem Hintergrund, mit einem Etikett und einer Münze als Größenvergleich.

Korallen kommen ausschließlich im Meer vor und gehören wie Quallen und Seeanemonen zur Gruppe der Nesseltiere (einfach gebaute Vielzeller, die sowohl im Süßwasser als auch im Salzwasser zu finden sind). Sie werden in verschiedene Nesseltier-Gruppen eingeteilt, die nicht näher miteinander verwandt sind. Was ihre Wuchsform angeht, wird zwischen Stein- und Weichkorallen unterschieden, wobei erstere hauptsächlich für die Bildung von Korallenriffen verantwortlich sind. Durch Kalkablagerungen, die durch den Stoffwechsel der Tiere entstehen, werden Skelette gebildet, die die gesamte Kolonie durchziehen und ihr als Stütze dienen.

Schwarz-Weiß-Aufnahme von Korallen unter dem Mikroskop, die in verschiedenen Formen innerhalb eines kreisförmigen Rahmens angeordnet sind.

Die Kolonie selbst besteht aus zahlreichen kleinen Tierchen namens Polypen, die sich mit der Meeresströmung in der Nähe von Küsten ansiedeln. Trotz der konstanten Kalkablagerungen kann die Entstehung von Korallenriffen Jahrhunderte und Jahrtausende dauern. Sie sind einer der wichtigsten Lebensräume im Meer und beherbergen die größte maritime Artenvielfalt.

Abbildung, die Korallen, Quallen, Fische, Krebstiere und einen Hai zeigt.

Wie funktionieren Ernährung und Fortpflanzung bei Korallen?

Korallen filtern ihre Nahrung, die aus Mikroplankton, Nährstoffen und Spurenelementen besteht, aus dem Meerwasser. Das alleine reicht aber für viele Arten nicht und sie brauchen eine zusätzliche Nahrungsquelle.

Hier kommt eine geniale Zweckgemeinschaft ins Spiel, die den Korallen das Überleben sichert. Auf der Außenhaut der Polypen siedeln sich meist “Zooxanthellen” genannte Algen an, die mit der Koralle eine symbiotische Verbindung eingehen. Die beiden Lebensformen profitieren von den Stoffwechselprodukten des jeweils anderen. Während die Polypen Kohlendioxid ausscheiden, verwenden die Algen dieses zur Produktion von Sauerstoff und Glukose durch Photosynthese, was der Koralle wieder zugutekommt. Deswegen ist es wichtig, dass die Algen stets genügend Sonnenlicht bekommen, das diesen Prozess ermöglicht. Die Algen sind zusätzlich für die charakteristische Färbung der Korallen verantwortlich.

Ein verzweigtes Exemplar einer orangefarbenen Koralle auf einem grauen Felssockel, präsentiert vor einem schlichten weißen Hintergrund.

Die Vermehrung findet bei Korallen sowohl sexuell als auch asexuell statt. Es gibt männliche und weibliche Polypen, - auch innerhalb einer Kolonie, weswegen sie als Zwitter bezeichnet werden - die ihre Keimzellen an die Umwelt abgeben. Die Befruchtung erfolgt entweder im offenen Wasser oder innerhalb der Kolonie durch einen bebrütenden weiblichen Polypen. Dabei entsteht eine “Planula-Larve”, die einige Zeit im Meer herumtreiben kann, bevor sie sich am Meeresboden oder an einem Felsen festsetzt. Stimmen die Bedingungen, bildet sich eine neue Kolonie.

Wissenschaftliche Darstellung mikroskopisch kleiner Organismen und Zellteilungen, gezeichnet in Grau- und Gelbtönen.

Bei der ungeschlechtlichen Vermehrung vervielfältigt sich die Koralle durch die Verteilung von Bruchstücken, die Stecklingen gleich an anderen Orten Kolonien bilden können.

Welche Bedeutung haben Korallenriffe für den Menschen?

Der Artenreichtum in Korallenriffen und die relative Nähe zur Küste bilden für Menschen seit jeher eine Fülle an nutzbaren Ressourcen. Fische, Krustentiere und Muscheln dienen als Nahrungsmittel und abgestorbene Korallenstöcke als Baumaterial. Korallenriffe schützen außerdem vor eintreffenden Wellen bei tropischen Stürmen.

Die Schönheit der Riffe lockt zusätzlich zahlreiche Touristen und Touristinnen an, welche die heimischen Wirtschaften ankurbeln.

Schwarz-Weiß-Foto eines Korallenriffs mit verschiedenen Korallenformationen vor dem Hintergrund einer ruhigen See unter bewölktem Himmel.

Auch für Medizin und Biotechnologie spielen die Korallenriffe eine große Rolle. Einige Stoffe, die aus Riffen gewonnen werden, können zur Behandlung von Krankheiten wie Leukämie, Arthritis und Hautkrebs verwendet werden.

Zusätzlich sind Korallen und die daraus gewonnenen Produkte historisch gesehen eng mit der Geschichte der Menschen und unseren Alltagskulturen verwoben. Schmuck aus Korallen wurden im religiösen und alltäglichen Kontext in Kostüme, Trachten und Schreine integriert und bekam so einen symbolhaften Charakter.

Eine Halskette mit silbernen Scheiben, orangefarbenen Perlen, grünen Steinen und mehreren orangefarbenen Quasten, die herunterhängen.

Wie wird die wirtschaftliche Nutzung der Korallen heutzutage betrieben?

Der Abbau von Korallen durch Korallentaucher setzte immer eine spezielle Beziehung von Mensch und Meer voraus. Die Meerestiere aus der Tiefe zu holen war ein sehr riskantes Unterfangen. Heutzutage verläuft die Ernte der roten Koralle im Mittelmeer in geregelten Bahnen. Sie ist zwar nicht direkt vom Aussterben bedroht, doch durch die allgemeinen Umweltprobleme unterliegt ihr Abbau mittlerweile sehr strengen Auflagen.

Es gibt heute ein EU-weites strenges Verbot für die Ernte mit Baggervorrichtungen, welche große physische Schäden in den Riffen anrichten können. Zusätzlich versucht man, den Abbau in sogenannten “Marine Protected Areas” komplett einzuschränken.

Seeleute, die von Booten aus nach Korallen tauchen, in einer detailreichen historischen Illustration.

Welche Bedeutung haben Korallen für Kunst und Kultur des Abendlandes?

Die Koralle als Gegenstand und Symbol ist tief in Mythologie und Geschichte der mediterranen Kulturen verwurzelt.

Sie wurde bereits in der Vorgeschichte und der Antike von Ägyptern, Römern und Griechen als kostbares Handelsgut geführt und in Form von Schmuck in die umliegenden Länder verkauft. Der Legende nach entstanden Korallen aus dem gefrorenen Blut der Medusa, das aus ihrem abgeschlagenen Kopf floss. In der Geschichte galt die Koralle daher als Symbol für Kraft und Schutz. Bei den Griechen und Römern wurde sie als Heilmittel gegen die verschiedensten Krankheiten verwendet.

Ein Perlenarmband mit roten, braunen und beigen runden Perlen, die auf grauem Hintergrund in einem Halbkreis angeordnet sind.

Reste von roten Korallen wurden auch in prähistorischen, mitteleuropäischen Gräbern gefunden, was auf eine Verwendung als Schmuck und Schutzamulett sowie einen regen Handelsfluss schließen lässt.

Die Halskette besteht aus durchbrochenen Korallenstäbchen und zwei Schiebern aus Elfenbein.

Die rot gefärbten Pflanzen wurden demnach ob ihrer Seltenheit seit prähistorischen Zeiten hoch geschätzt und fanden schließlich im Mittelalter Eingang in den Kanon der christlichen Symbolik. Die rote Farbe sollte die Verbindung zur Passion Christi darstellen. Zusätzlich wurde die Schutzsymbolik der Antike wieder aufgegriffen, indem der Koralle in mittelalterlichen Darstellungen schützende und heilende Eigenschaften zugeschrieben wurden und sie als Amulett gegen das “Böse Auge” galt.

Maria hält das Jesuskind auf ihrem Schoß, im Hintergrund stehen zwei Engel, die Blumen in den Händen halten.

Als in der Renaissance und im Barock vermehrt die sogenannten “Kunst- und Wunderkammern” entstanden, gewann die Koralle und aus ihr gefertigte Gegenstände eine ganz neue Bedeutung als Sammlungsobjekt. Die neuzeitlichen Kunstkammern wurden meist von Adligen und wohlhabenden Bürgern eingerichtet und gelten als Vorläufer der heutigen Museen. Der älteste und größte Bestand an Korallen hat sich in der Sammlung von Erzherzog Ferdinand II. im Innsbrucker Schloss Ambras erhalten.

Die Korallen wurden entweder als unbearbeitete Äste gesammelt, zu Figuren geschnitten, in größere Kunstwerke integriert oder für Szenen in Korallenkabinetten (Dioramen) verwendet.

Eine kunstvoll verzierte Metallschatulle mit aufwendigen Gravuren, gekrönt von einer Skulptur aus roter Koralle.
Rote Korallenäste und glänzende Muscheln, arrangiert in einer dekorativen Schachtel.

Wie stark sind Korallenriffe vom Aussterben bedroht?

Die Existenz von Korallenriffen wird von verschiedenen Seiten bedroht, unter anderem durch die Verschmutzung und Versauerung der Meere, extensiven Fischfang und die Folgen des Klimawandels. Vor allem der Klimawandel bedroht die Korallen besonders stark. Laut einem Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) aus dem Jahr 2021 werden bei einer globalen Temperaturerhöhung von 2°C mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit 99 % aller Korallenriffe verschwinden.

Durch die Versauerung der Ozeane können Korallen den nötigen Kalk zum Aufbau ihres stützenden Skeletts schwerer aus dem Wasser lösen, was sie am Ende weniger widerstandsfähig macht. Doch vor allem die Erwärmung der Ozeane schürt die Furcht vor einem Kippen der fragilen Ökosysteme.

Bei einer Temperatur von über 30°C beginnen die Korallen ihre Algenpartner abzustoßen. Zurück bleiben die weißen Kalkskelette. Dieser Prozess wird “Korallenbleiche” genannt und ist umkehrbar, solange die Temperatur wieder sinkt. Bleibt sie aber zu lange erhöht, sterben die Korallen durch das Verschwinden ihrer wichtigsten Nahrungsquelle.

Ein getrocknetes Korallenstück, das auf einem Ständer mit einem Etikett vor einem schlichten weißen Hintergrund ausgestellt ist.

Zusätzlich zum Klimawandel haben auch Aspekte der menschlichen Lebensweise einen direkten Einfluss auf den Korallenbestand. Die Überfischung bringt zum Beispiel nicht nur das natürliche Gleichgewicht zwischen Pflanzenfressern und Fleischfressern durcheinander, sondern kann durch rabiate Fischereipraktiken auch physische Schäden verursachen.

Was sind die globalen Kipppunkte?

In den frühen 2000ern wurden die Korallenriffe der Welt als einer von zahlreichen globalen Kipppunkten (Global Tipping Points) identifiziert. Kipppunkte sind kritische Schwellen, die durch ihre Überschreitung zu einer signifikanten und oft unumkehrbaren Änderung in einem System führen. Das Überschreiten der Kipppunkte durch diverse Einflüsse wie steigende Temperaturen kann zu einer Kaskade von miteinander zusammenhängenden Veränderungen auf der Erde führen. Die Auswirkungen dieser Prozesse der sich ändernden Systeme können nicht endgültig abgeschätzt werden und sie werden sich erst nach hunderten oder tausenden Jahren manifestieren.

Nachdem sich die Wissenschaft in den letzten Jahren mit großen Schritten weiterbewegt hat, weiß man mittlerweile, dass die globalen Kipppunkte weit schneller erreicht werden als ursprünglich angenommen. Bereits bei einer globalen Temperaturerhöhung von 1.5°C werden die ersten Punkte überschritten, darunter unter anderen der Kollaps der antarktischen und grönländischen Eisschilde, das Auftauen von Permafrostregionen und das Absterben von Korallenriffen.

Aus diesem Grund ist es für den Erhalt unserer Korallenriffe essentiell, die globale Temperaturerhöhung gemäß dem Pariser Klimaschutzübereinkommen auf unter 2°C zu beschränken. Denn: Bei sinkenden Temperaturen könnten sich Korallenkolonien wieder von ihrer Bleiche erholen.