Der Erste Weltkrieg - Orte des Übergangs

Das Labor und die Gelehrtenkammer

Einleitung

Der Erste Weltkrieg bringt Veränderungen mit sich, die sich auch in der Wissenschaft und deren Praxis in Laboren, Universitäten und wissenschaftlichen Instituten vollziehen. Eine international vernetzte Forschung und Wissenschaft setzte sich nun vermehrt für die „nationale Sache“ ein und so kommt es zu Umstrukturierungen in personellen, institutionellen und inhaltlichen Bereichen. Die wissenschaftlichen Institute werden teils instrumentalisiert, deren Mitarbeiter dem Militär unterstellt, viele beginnen auf Eigeninitiative für die Kriegsführung zu forschen. Auch in der geistigen Welt tritt ein Wandel hin zu nationalen Bestrebungen ein, der sich in Aufrufen für den Krieg äußert. Der Wissenschaftler agiert zunehmend für den Krieg und verwandelt sich in Krieger.

Geistige Mobilmachung

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges engagierten sich immer mehr Intellektuelle für den Krieg und so folgte der militärischen schließlich eine geistige Mobilmachung. Europäische Schriftsteller, Philosophen und Professoren sprechen sich verstärkt für den Krieg aus, indem sie Aufrufe verfassen oder Reden in Universitäten halten. Studenten werden aufgefordert, sich freiwillig für den Kriegsdienst zu melden. Die Bevölkerung wird aufgerufen, den Kriegsversehrten mit Lebensmitteln und Hilfeleistungen beizustehen. Wissenschaftler forschen nun vermehrt für den Krieg. Die Intellektuellen gehen sogar so weit, sich mit Denkschriften an das Hauptquartier und die obersten Kriegsherren zu wenden.

Die geistige Mobilmachung verfolgt dabei das Ziel, die eigene Kriegsführung durch den Rückgriff auf kulturelle Werte und Traditionen zu unterstützen und zu rechtfertigen. Dieser zunehmende Nationalismus breitet sich in Europa aus, verdrängt internationalistische Bestrebungen und bringt ein Besinnen auf die eigene Kultur mit sich. So treten die Geisteswissenschaften und mit ihnen die gesamte Wissenschaft in den Dienst der Kriegspropaganda.

Die Haltungen der Wissenschaftler und Intellektuellen äußert sich jedoch nicht nur in emphatischer Bejahung des Krieges, sonders es gibt auch Ablehnung und distanzierte Stellungnahmen. Diese Bandbreite an Haltungen ist unter dem Begriff „Krieg der Geister“ zu fassen, in dem die Wissenschaften von Philosophie bis Physik zu Waffen werden.

Forschung für die Front

Der Erste Weltkrieg hat zunehmend Auswirkungen auf die Forschung: Die Wissenschaft wird nach und nach in den Dienst des Krieges gestellt. Dabei ist es nicht so, dass das Militär zu Beginn des Krieges an die Wissenschaft herangetreten wäre, um eine Forschung für den Krieg zu fordern. Vielmehr sind es die Wissenschaftler, die der militärischen Führung ihre Dienste anbieten. Sie wollen drängende Probleme wie die Sicherstellung der Rohstoffversorgung, die vor allem für die Mittelmächte durch den Krieg gestört wird, lösen und beginnen, Verfahren zur künstlichen Herstellung von Rohstoffen zu entwickeln. Ohne diese Forschungen könnte der Krieg nicht fortgeführt werden.

Nachdem die Wissenschaft auf diese Weise ihre Bedeutung für den Krieg zeigt, beginnen die Militärführungen, den Forschungseinrichtungen Aufträge zu erteilen. Dies betrifft vornehmlich Techniken, die direkt an der Front eingesetzt werden können. Das nachdrücklichste Produkt dieser Forschungen sind wohl die ursprünglich im Deutschen Reich entwickelten Giftgase, die zehntausenden Soldaten das Leben kosten oder sie zu Kriegsinvaliden machen. Die alliierte Seite setzte 1916 die ersten Panzer im Kampf ein. Zudem werden Flugzeuge für den Kampf optimiert und zahlreiche Kleinwaffen weiterentwickelt. Die Wissenschaft ist also nicht nur für die Fortführung des Krieges entscheidend, sondern auch für die Art und Weise, wie das Massentöten perfektioniert wird.

Ausrichtung der Wissenschaften auf den Krieg

Der Krieg greift in den universitären Alltag ein: Studenten werden einberufen, die Lehrpläne verändern sich und es finden sogenannte Kriegskurse statt. Auch die Wissenschaftlichen Institutionen wandeln sich, sie werden zu Zulieferern des Militärs und erhalten eine militärische Organisation.

Dies geschieht in mehr oder weniger starker Ausprägung in ganz Europa. Den Höhepunkt markiert das „Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie“ in Berlin. Dieses Institut wird unter militärische Leitung gestellt und dementsprechend wie eine militärische Einheit umorganisiert: Alle Mitarbeiter bekommen militärische Ränge und sind der Befehlsgewalt ihrer Vorgesetzten unterstellt. Dementsprechend verschmelzen Laborkittel und die darunter getragen Uniform zur neuen Dienstkleidung des wissenschaftlichen Kriegsexperten. Diese Verwandlung von einem unabhängigen, wissenschaftlichen Idealen verpflichtete Forschungsinstitut zu einer am Krieg orientierten Einrichtung der Rüstungsforschung steht exemplarisch für die Militarisierung und Bellifizierung der Wissenschaften.

Die Eingliederung in den Militärapparat zahlt sich für das Institut aus: Erstens hat es finanziell quasi unbegrenzte Ressourcen. Zweitens wächst der Mitarbeiterstab rasant an, ganz im Gegensatz zu den sonst durch Einberufungen personell geschwächten Forschungseinrichtungen. Drittens expandiert das Institut räumlich, auch auf Kosten anderer Kaiser-Wilhelm-Institute. Aber das Institut verliert auch seine Eigenständigkeit und muss seine Vorkriegsforschungen unterbrechen: „kriegsunwichtige“ Forschung fällt aus. Hier zeigt sich der Krieg weniger als vermeintlicher Innovator, sondern als Verhinderer von Entwicklungen und Ideen.