Der Erste Weltkrieg - Orte des Übergangs

Der Graben

Einleitung

Der Graben, die paradoxe Fratze des Ersten Weltkrieges in ihrer ganzen Dimension: glühender Nationalismus, ganzheitliche Mobilmachung und neue Vergemeinschaftung, industrielles Massentöten, Sterben, Leiden, Zweifel und Aufbegehren. Ein Ort, der systematisch Hoffnung raubt, Verzweiflung schürt und die so entstandene Leere mit Gleichgültigkeit füllt. Er ist der Mittelpunkt des „Stahlgewitters“, in das sich Millionen Soldaten begeben und die ihm letztlich zum Opfer fallen. Der Graben ist aber auch ein Ort, der Geschichten von nationenüberschreitender Kameradschaft, von Mitleid und Barmherzigkeit sowie geradezu wahnwitzig anmutender Bürgerlichkeit erzählt. Sie durchbrechen die Eindimensionalität des Grabens und machen ihn in einer anderen Weise erfahrbar, als Ort der fließend ineinander greifenden Gegensätze, als einen Ort der Übergänge.

Alltag

Das Leben in den Schützengräben und in den Unterständen trägt ambivalente Züge, da die Soldaten versuchen, heimatliche und vertraute Elemente in ihren Alltag einzubauen. Eine bürgerliche Scheinwelt im Zentrum des Krieges entsteht. Die Unterstände werden mit Gardinen oder Tapeten geschmückt und mit Namen wie „Villa Waldfrieden“ oder „Das Herz am Rhein“ versehen. Kriegszeitungen mit Witzen und Bilderbögen dienen in den langen Phasen des Nichtstuns und der Langeweile im Krieg ebenso dem Zeitvertreib wie Lieder und Gedichte. Gräben ausbessern, kochen und die Kommunikation mit der Familie tragen dazu bei, den Eindruck von Alltäglichkeit aufkommen zu lassen. Gleichzeitig befallen Ratten die Unterstände, Schlamm tritt ein und Granaten verwüsten die eben ausgebesserten Gräben. Der Kamerad nebenan wird getötet. Die Parallelität von Ausnahmesituation und Normalität zeigt sich beispielhaft in einem Tagebucheintrag von Captain Arthur Gibbs vom 2. Mai 1916: „In the middle of rather a hot bit of shelling the day before yesterday I heard the cuckoo for the first time. My sergeant, who was crouching down close to me, asked me if I didn’t think it nice to hear the cuckoo again! I nearly kicked him!“

Euphorie und Depression

Die Euphorie der bürgerlich städtischen Jugend zu Beginn des Ersten Weltkrieges, die maßgeblich aus einer Kulturüberdrüssigkeit der industrialisierten Gesellschaft hervorgeht, hält angesichts der verheerenden Wirkung der weitgehend unerprobten, modernen Mittel und Methoden dieses Krieges nicht lange vor. Maschinengewehre, Giftgas und Artilleriefeuer verändern den Charakter des Kämpfens grundlegend, der Kampf „Mann gegen Mann“ wird zur Ausnahme, anonymes Töten über Distanz zur Regel. Behelfsmäßigen Schutz bietet allein die Flucht in die Erde: Der Grabenkrieg ist geboren. Ernst Jünger schrieb 1922 in Der Kampf als inneres Erlebnis: „Der Graben […] machte den Krieg zum Handwerk, die Krieger zu Tagelöhnern des Todes, von blutigem Alltag zerschliffen“. Die nationalistisch angeheizte Begeisterung der ersten Stunde weicht schnell dem blanken Entsetzen über die gleichförmige Grausamkeit der Kampfhandlungen. Statt heroischer Eroberungen werden insbesondere an den Fronten in Belgien und Frankreich wenige Meter verschlammter Gräben unter unverhältnismäßigen Verlusten erkämpft oder gehalten. Trotzdem heben solche Grabenstürme kurzzeitig die Stimmung und beflügeln den vermeintlichen Geist alter Zeiten ‒ eine Illusion, die schnell wieder vergeht. Denn das pausenlose Donnern der Artillerie pflügt die jeweils feindlichen Stellungen stetig um, tötet und verwundet die Soldaten. In bis dato ungekanntem Ausmaß kehren Soldaten psychisch zerrüttet aus den Gräben zurück. Begriffe wie „Kriegszitterer“, „shell shock“ und „l’obusite“ entstehen.

Identitäten

Im Schützengraben zählt alsbald nur noch der Kampf ums Überleben. Andere Motive treten nach und nach in den Hintergrund. So kann der vermeintliche Feind nicht nur körperlich im Feld, sondern auch im Geiste näher sein als die Kameraden in den eigenen Reihen. Richard Schmieder schrieb am 13. März 1915 über einen Grabensturm: „Da lagen an einer Stelle, von einer Mine zerrissen, etwa acht Alpenjäger Frankreichs, ein hoher, blutiger Haufen völlig zerschmetterter Menschenleiber, Tote und Verwundete […]. Das Wimmern und Jammern dieser armen, dem Tode geweihten feindlichen Soldaten ging uns ans Herz.“ In diesen Situationen kommt es vor, dass Kampfpausen vereinbart werden, um die Gräben auszubessern oder Gefallene und Verwundete vom Kampfplatz zu tragen, wobei auch persönliche Kleinodien ausgetauscht werden. In Ausnahmesituationen warnen sich gegnerische Soldaten gar vor kommendem Artilleriebeschuß oder schießen mit Absicht vorbei. Häufiger, insbesondere zu Festzeiten, stimmen die Soldaten Wechselgesänge an, wobei Männer jede Seite in ihrem Graben verweilen oder im Niemandsland aufeinander zugehen. Der Krieg, Gewalt, Hass und Kampf sind für kurze Zeit vergessen. Solche Momente belegen den inneren Konflikt der Soldaten: Zwischen die Verpflichtungserfahrung gegenüber dem Vaterland, den Kameraden, dem Soldatentum, mischte sich ab und zu die Stimme der Menschlichkeit.