Ausstellungen

Kulturerbe in Gefahr

Der Wiederaufbau von Notre-Dame

Ein nationales Symbol mit dramatischer Vergangenheit

Seit dem Bau von Notre-Dame de Paris, der vor fast Tausend Jahren begann, war die Kathedrale ein Fixpunkt der Pariser Landschaft und ein Symbol der französischen Nation. Ihre Geschichte ist ein Mikrokosmos der französischen Geschichte, den war Zeugin von Revolutionen und politischen Unruhen und wurde mehrmals entweiht, restauriert und umgearbeitet. Der Brand, der am 15. April das Dach, die Turmspitze und das obere Mauerwerk von Notre Dame zerstörte, war nur die letzte dramatische Episode ihrer langen Geschichte.

Die hier abgebildete frühe, topografisch präzise Darstellung des mittelalterlichen Paris umfasst auch die Kathedrale Notre-Dame. Sie stammt aus dem Stundenbuch von Étienne Chevalier, einem der berühmtesten und am großzügigsten illustrierten Manuskript des 15. Jahrhunderts. Es wurde von Jean Fouquet, dem Hofkünstler der Könige Charles VII und Louis XI, für den französischen Schatzmeister gemalt.

In der auf dieser Seite dargestellten Landschaft sticht Notre-Dame unter den weiteren erkennbaren Denkmälern der île de la Cité, etwa der Turmspitze der Saint-Chapelle und dem Pont Saint-Michel, hervor.

Noch vor der Fertigstellung der Kathedrale von Notre-Dame ungefähr im Jahr 1350 wurde sie als Ort für das Feiern großer nationaler Ereignisse genutzt. Bereits 1214 feierte der kapetingische König Philippe Auguste den Militärsieg gegen John Lackland, Herzog der Aquitaine, der Normandie und englischer König, mit einem _Te Deum_-Gottesdienst. Durch ihre Größe eignete sich Notre-Dame für große Menschenmenge und somit auch für prestigeträchtige Veranstaltungen wie Begräbnismessen und fürstliche Taufen.

Mit dem Beginn der französischen Revolution und der Erklärung, dass der Katholizismus nicht mehr die Staatsreligion Frankreichs sei, kam es zur Verwüstung von Notre-Dame. Zahlreiche ihrer Statuen wurden zerstört, ihre Beschläge und ihr festes Inventar wurden geplündert, und das Gebäude fiel in eine Phase des Verfalls und der Vernachlässigung.

Das Konkordat aus dem Jahr 1801, das von Napoleon Bonaparte und Papst Pius VII unterzeichnet wurde, definierte den Katholizismus als die Religion des Großteils des französischen Volks neu (somit galt sie nicht mehr als Staatsreligion). Dies stellte einen Wendepunkt im Schicksal von Notre-Dame dar. Am 10. April 1802 wurde in der Kathedrale Notre-Dame anlässlich der Verkündung des Konkordats ein Te Deum-Gottesdienst gefeiert, und Bonaparte selbst entschied sich dazu, 1804 dort zum Kaiser gekrönt zu werden, wie in Davids berühmten Gemälde (oben) dargestellt.

Zweifellos ist die Kathedrale Notre-Dame in Paris bis heute ein majestätisches, prächtiges Gebäude geblieben. Aber so prachtvoll sie im Verlauf der Zeit geblieben ist, waren die zahlreichen Beschädigungen und Verstümmelungen dieses ehrwürdigen Gebäudekomplexes, sowohl durch den Zahn der Zeit als auch durch Menschenhand, bedauernswert und entwürdigend.

Notre-Dame von Paris, 1831. Victor-Marie Hugo (1802–1885)

Eine Renovierungskontroverse im 19. Jahrhundert

Im Rahmen der Julimonarchie (1830-1848) wurde die Kulturpolitik in Frankreich geändert. Gebäude und Denkmäler des Ancien Régime, etwa der Palast von Versailles und der Louvre, wurden zur Reparatur und Erhaltung ausgewählt. 1830 wurde die Funktion des Generalinspektors für historische Denkmäler geschaffen, die darin bestand, Gebäuderenovierungen zu klassifizieren und zu bewerten.

1844 gewannen die jungen Architekten Eugène Viollet-le-Duc und Jean-Baptiste-Antoine Lassus einen Wettbewerb für die Restauration von Notre-Dame. Die Arbeiten dauerten 25 Jahre (Lassus starb 1857), und die interventionistische Restauration, die den Wiederaufbau der Turmspitze und der Sakristei sowie die Fertigung neuer Skulpturen, Buntglasfenster und Glocken umfasste und ausgehend von zeitgenössischer Interpretation mittelalterlicher Handwerkskunst erfolgte, ist heute noch umstritten.

Restauration. Sowohl das Wort als auch die Sache an sich sind modern. Ein Gebäude zu restaurieren, bedeutet nicht, es instand zu halten, es zu reparieren oder zu erneuern. Vielmehr bedeutet es, es in einem vollständigen Zustand wiederherzustellen, den es möglicherweise noch nie gab.

Eugène-Emmanuel Viollet-le-Duc, ‚Restauration‘, im Dictionnaire raisonné de l’architecture française du XIe au XVIe siècle, Paris, B. Bance, 1866, Bd.VIII, S. 14-34.

Die neuen Statuen, die unter Viollet le Duc in Auftrag gegeben wurden, umfassten die Skulptur ‚Jungfrau und Kind‘ von Adolphe Victor Geoffroy-Dechaume, dargestellt in diesem schönen Foto von Auguste Mestral.

Dieses wird im Geoffroy-Dechaume-Archiv des Metropolitan Museum of Art aufbewahrt und wird von einen seiner Kuratoren wie folgt beschrieben und in Zusammenhang gebracht:

‚Das Mitte des 19. Jahrhunderts erneut aufgekommene Interesse an der mittelalterlichen Vergangenheit Frankreichs führte zur Restauration zahlreicher der wichtigsten Monumente der Nation, die mitunter etwas plump und mitunter einfallsreich anmutet.

In dem Foto von Mestral, das aus dem Geoffroy-Dechaume-Archiv stammt, bleiben die himmlischen Figuren an der Baustelle am Boden. Wenig später wurden sie auf die Westfassade in eine zentrale Position oberhalb des Hauptportals und vor der Fensterrosette gehoben.‘

Ein schwarzer Tag für Notre-Dame

Seit der von Viollet-le-Duc beaufsichtigten Restauration befand sich Notre-Dame fast dauerhaft in einem Zustand der Restaurierung, Konservierung und Reinigung. Seit dem Beginn dieses Jahrhunderts ist die Kathedrale durch Terrorismus und Erosion aufgrund der Luftverschmutzung und des Regenwassers gefährdet. Bereits 2017 wurde ein umfassendes Restaurierungsprogramm für Notre-Dame mit 150 Millionen Euro beziffert – vor dem verheerenden Brand am 15. April 2019.

Der Brand (dessen Ursache bis heute ungeklärt ist) brach unter dem Dach von Notre-Dame aus, breitete sich rapide aus und zerstörte die hölzernen Elemente im Innenbereich sowie die Buntglasfenster. Bis zur Löschung des Brandes neun Stunden später waren bereits die Turmspitze und ein großer Teil des Dachs abgebrannt.

Nach dem Brand versprach der französische Präsident Emmanuel Macron, Notre-Dame zu restaurieren und startete eine internationale Fundraising-Kampagne. Zum Zeitpunkt, zu dem dieser Text verfasst wird, geht man davon aus, dass die Restaurierung mindestens 20 Jahre dauern.

Eine Notre-Dame für das 21. Jahrhundert

Der französische Premier Edouard Philippe kündigte vor kurzem einen Architektur-Wettbewerb an, im Rahmen dessen ein Ersatzturm für Notre-Dame zu entwerfen ist. Dieser soll in einem neuen Design entworfen werden, das ‚an die Techniken und Herausforderungen unseres Zeitalters‘ angepasst ist.

Inspiriert durch die Herausforderungen der Erneuerung von Notre-Dame setzen Architekten, Designer und Restaurationsexperten neue Technologien und Ideen um. Das niederländische Unternehmen CONCR3DE hat einen innovativen Vorschlag gemacht, um in den Wiederaufbau von Notre-Dame alte Materialien und neue Techniken einfließen zu lassen. So möchte das Unternehmen eine Kombination aus Kalkstein und Asche verwenden, um Elemente wie Statuen direkt per 3D-Druck herzustellen.

Dieses Beispiel zeigt, wie neue Technologien dazu beitragen können, Ressourcen- und Kapazitätsprobleme bei Ressourcen und Kapazitäten in Bezug auf Facharbeit und knappen Rohstoffen zu überwinden.

Im Fall von Notre-Dame wird man erheblich von der Arbeit des verstorbenen außerordentlichen Professors für Kunst am Vassar College, Andrew Tallon, eines Pioniers im Bereich der Lasertechnologie und der fortschrittlichen Bildgebungstechniken, profitieren können. Tallon erstellte von 2015 bis zu seinem Tod im November 2018 mithilfe von in Drohnen integrierten 360-Grad-Kugelkameras digitale Scans von Notre-Dame. So entstand eine Milliarde an Datenpunkten, wodurch wir dank der Arbeit von Tallon über ein detailliertes Bild der Kathedrale vor dem Brand verfügen.

3D-Technologien finden im Bereich des Kulturerbes vielfältige Anwendung – von der Online-Einbindung bis hin zur wissenschaftlichen Forschung, Erhaltung und Konservierung, und es werden noch weitere Innovationen hinzukommen. So zielt das Projekt Time Machine beispielsweise darauf ab, digitale Technologien zu verwenden, um 3D-Präsentationen von Denkmälern und gesamten Städten anzufertigen, aber auch, um die Geschichte dieser Orte im Verlauf der Zeit zu erkunden.

Organisationen zum Schutz des Kulturerbes bündeln ihre Kräfte und führen neue Technologien ein, um Informationen zu unserem empfindlichen gemeinsamen Kulturerbe zu erhalten und weiterzugeben. Durch die Digitalisierung wertvoller Sammlungen und die Bereitstellung von Daten an Konservierungsexperten tragen Museen, Bibliotheken und Archiven dazu bei, empfindliche Kulturerbe-Stätten zu schützen. Angesichts der heutigen komplexen Herausforderungen erscheint diese Aufgabe dringlicher denn je.

Mithilfe dieser interaktiven Karte erfahren Sie mehr über die in dieser Ausstellung präsentierten Stätten: